1983 bittet Benjamin Libet Versuchspersonen, ihr Handgelenk zu beugen, wann immer sie wollen, und den genauen Moment zu notieren, in dem sie sich ihrer Bewegungsabsicht bewusst werden. Gleichzeitig zeichnet er die elektrische Aktivität des motorischen Kortex auf. Das Bereitschaftspotential, ein motorisches Vorbereitungspotential, erscheint im Durchschnitt 550 Millisekunden vor der Bewegung. Das Bewusstsein der Absicht erscheint erst 200 Millisekunden vorher. Die Differenz beträgt 350 Millisekunden. Das Gehirn hat begonnen, bevor das Subjekt entscheidet.

Der Versatz wurde durch fMRT (Soon et al., 2008) und durch Einzelneuronableitung (Fried, Mukamel & Kreiman, 2011) bestätigt. Die Skalen variieren, von 1,5 Sekunden bis zehn Sekunden je nach Methode, aber die Richtung ist konstant. Prädiktive Aktivität geht dem Bewusstsein voraus.
Erste Lesart: Der freie Wille ist eine Illusion. Die bewusste Entscheidung ist ein Epiphänomen, eine Erzählung, die das Gehirn konstruiert, nachdem der motorische Prozess bereits eingeleitet ist. Wegner (2002) formalisiert diese Position: Die Willenserfahrung ist eine retrospektive Kausalzuschreibung.
Zweite Lesart: Schurger, Sitt & Dehaene (2012). Das Bereitschaftspotential ist kein Entscheidungssignal. Es ist stochastisches neuronales Rauschen, das eine Schwelle überschreitet. Es gibt keine verborgene Entscheidung vor der bewussten Entscheidung. Es gibt eine Akkumulation von Rauschen, die sich in Handlung auflöst.
Dritte Lesart: Das Protokoll hat zwei Randbedingungen. Den Anfangszustand des Gehirns und die tatsächlich ausgeführte Bewegung. Der Versatz zwischen dem Bereitschaftspotential und dem Bewusstsein der Absicht könnte ein Artefakt der Projektion einer einseitigen Beschreibung auf einen Prozess sein, der durch beide begrenzt ist.
Doctrine
Derselbe Datensatz. Drei Rahmen. Drei unvereinbare Schlussfolgerungen. Die Daten entscheiden nicht. Der Rahmen entscheidet.
Vecteur ouvert
350 Millisekunden. Das Gehirn bereitet vor, das Subjekt weiß noch nicht. Die übliche Frage: Wer entscheidet? Eine andere: Was, wenn der Versatz nicht zwischen einer Ursache und ihrer Wirkung läge, sondern zwischen zwei Beschreibungen desselben Ereignisses?
